Erfahrungsbericht von Michael Kaiser

Als die Krankheit bei mir diagnostiziert wurde (August 1984), war ich seit einer Woche 18 Jahre alt. Das Erwachsenwerden gestaltete sich danach völlig anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Die Einlieferung in die Klinik war dramatisch, da ich bereits sehr geschwächt war und aufgrund einer Zahnbehandlung so viel Blut verloren hatte, dass die Ärzte zunächst ein paar Tage damit beschäftigt waren, mich am Leben zu erhalten, bevor sie sich um eine Diagnose kümmern konnten. Die folgenden Wochen in der Klinik waren eine enorme seelische Belastung für mich und meine Eltern.

Im November 1984 habe ich dann die erste ATG-Therapie (Serum vom Kaninchen) bekommen, die keinerlei Erfolg brachte. Im Februar 1985 hatte ich die zweite ATG-Therapie, wobei diesmal das Serum vom Pferd kam. Jetzt hatte ich Glück: die Werte begannen langsam sich zu erholen und ich konnte im September mit einer Ausbildung beginnen. Die Behandlung erfolgte damals ohne jegliche Immunsuppressiva, sondern sehr stark mit Cortison. Die Werte haben sich dann über die Jahre so weit stabilisiert, dass ich ein „normales“ Leben führen konnte. Ich habe geheiratet, 2 Kinder bekommen, Karriere gemacht (bzw. zu viel gearbeitet!).

Ab 1995 haben sich die Werte kontinuierlich wieder verschlechtert, so dass ich im Mai 1997 erneut in die Klinik musste und meine 3. ATG-Therapie bekommen habe, diesmal mit Unterstützung durch Sandimmun. Nach ca. 6 Monaten ging ich wieder arbeiten, aber die Werte haben sich nie richtig erholt und stabilisiert.

Im Oktober 2000 kam dann, nach einigen privaten Turbulenzen (u.a. Trennung und Scheidung) ein erneuter Rückfall, der mich sehr hart getroffen hat. Ich wurde mit Transfusionen mehr schlecht als recht stabilisiert und zeitweise auch wieder mit Sandimmun behandelt, ohne Erfolg. Schwierig war, die weitere Vorgehensweise festzulegen. Eine 4. ATG-Therapie schien zu riskant und wenig erfolgversprechend und eine Transplantation ziemlich aussichtslos und gefährlich bei meiner Vorgeschichte und der Tatsache, dass nur ein Fremdspender in Frage kam.

Nachdem sich mein Zustand weiter verschlechterte, haben wir uns dennoch gemeinsam (Ärzte und ich) für die KMT entschieden. Ich hatte großes Glück, es wurde bald ein geeigneter Spender gefunden und ein Termin für die KMT festgelegt. Am 25.10.01 bin ich stationär aufgenommen worden, am 09.11.01 habe ich meine neuen Stammzellen bekommen und am 30.12. wurde ich aus der Klinik entlassen. Die Zeit in der Klinik und auch die Zeit danach waren sehr schwierig und intensiv, aber inzwischen geht es mir hervorragend. Für mich war es vor allem nach der Entlassung sehr wichtig, dass ich meinen eigenen Weg gesucht und gefunden habe, und mir wieder einen gewissen Alltag verschafft habe. Die „Vorschriften“ und Einschränkungen nach einer KMT waren sehr belastend, aber auch erforderlich. Ich für meinen Teil konnte aber nicht alles 100-prozentig einhalten, da ich alleine lebte und kaum fremde Hilfe bekommen konnte.

Ich hatte in der Phase seit meinem letzten Rückfall im Oktober 2000 fast keine Infekte oder sonstige Schwierigkeiten. Das führe ich darauf zurück, dass ich trotz meiner Schwäche viel an der Luft und in Bewegung war, und dass ich bei einer sehr guten Homöopathin in Behandlung war. Ich bin überzeugt davon, dass die Homöopathie neben den hervorragenden Leistungen der Schulmedizin (hier besonderen Dank an Fr. Waterhouse vom Krankenhaus München-Schwabing und Hr. Kolb vom Klinikum Großhadern) und meiner persönlichen Anstrengung und Einstellung wesentlich dazu beigetragen hat, dass ich so lange mit der SAA leben konnte und mich nach der KMT so schnell und so nachhaltig wieder erholt habe.

Seit Anfang März 2002 bekomme ich keinerlei Medikamente mehr, die Werte haben sich toll entwickelt und sind seit über 15 Jahren stabil.

Von April 2002 bis September 2002 erhielt ich Erwerbsunfähigkeitsrente und ab 01.10.2002, nicht einmal ein Jahr nach der Transplantation, habe ich wieder meine Arbeit als kfm. Angestellter aufgenommen, zunächst mit 30 Std in der Woche.

Der Wunsch, meine vielfältigen Erfahrungen an andere weiterzugeben und nicht nur mein privates, sondern auch mein berufliches Leben komplett neu auszurichten, wurde immer stärker.

So habe ich zunächst eine Ausbildung zum „Lehrer für Bewegung, Körpererfahrung und Fitness“ absolviert und in diesem Bereich nebenberuflich Kurse gegeben. 2008 wagte ich schließlich einen großen Schritt und habe mich als Heilpraktiker für Psychotherapie selbstständig gemacht. Inzwischen bin ich in einer 20 Std-Stelle als Vorstand bei MFM Deutschland e.V. angestellt und freiberuflich als Heilpraktiker für Psychotherapie, Dozent und Qigong-Lehrer tätig.

Privat habe ich meine große Liebe kennengelernt und bin zum dritten Mal, obwohl die Ärzte meine Unfruchtbarkeit aufgrund der Transplantation festgestellt hatten, Vater geworden.

Wichtig in allen Phasen meiner Krankheit war, dass ich immer an meine Chance geglaubt habe und trotz aller Tiefs und Rückschläge weiter gekämpft habe. Ich bin überzeugt, dass es immer einen Weg gibt, wenn man nur an sich glaubt und sich nicht aufgibt, auch wenn man mal ganz am Boden ist.

Allen Betroffenen drücke ich ganz fest die Daumen, dass auch sie gemeinsam mit den Ärzten für sich einen Weg finden, mit der Krankheit zu leben und vielleicht auch wieder geheilt zu werden.

Alle Interessierten können gerne mit mir in Kontakt treten oder meine Geschichte in meiner Autobiographie „Neues, altes Rauschen“ nachlesen.

kaiser.dachau@arcor.de

Dachau, April 2017

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Erfahrungsbericht Michael Kaiser

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