Einleitung
Die meisten MDS-Patienten leiden schon zum Zeitpunkt der
Diagnosestellung unter einer Anämie (Mangel an roten
Blutkörperchen). Bei der Mehrzahl entwickelt sich sogar eine
Abhängigkeit von regelmäßigen Blutübertragungen,
da die eigene Blutbildung mangelhaft ist. Es gibt aber große
individuelle Unterschiede, was den Beginn der
Transfusionsbedürftigkeit angeht. Erstens kann sich die
Knochenmarksfunktion langsam oder schnell verschlechtern und zweitens
gibt es keinen allgemeingültigen Hämoglobin-Wert, dessen
Unterschreitung grundsätzlich eine Transfusion erforderlich macht.
Bei der Beurteilung der Transfusionsbedürftigkeit spielen Faktoren
wie Alter, körperliche Belastung im Alltag sowie
Begleiterkrankungen eine große Rolle.
Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin (Hb), mit dem die roten
Blutzellen (Erythrozyten) gefüllt sind, ist unser
Sauerstofftransporter. Bei Anämie entstehen Krankheitssymptome
durch Sauerstoffmangel im Körper, beispielsweise allgemeine
Schwäche, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit,
Herzklopfen, Ohrensausen und Schwindel. Durch Blutübertragungen
können diese Symptome gelindert werden. Auch die Blutarmut, die
vorübergehend durch intensive Chemotherapie entsteht, kann
Bluttransfusionen erforderlich machen.
Mit jeder Bluttransfusion wird dem Körper viel zusätzliches
Eisen zugeführt, da jedes Molekül des roten Blutfarbstoffs
Hämoglobin vier Eisenatome enthält. Eisen ist zwar wichtig
für den Körper, aber es gilt auch hier: „die Dosis macht das
Gift“. Eine ausgeprägte Eisenüberladung kann gefährlich
werden. Eine Gefährdung durch „transfusionsbedingte
Hämosiderose“ ist aber nur bei Patienten zu erwarten, die
über längere Zeit regelmäßig transfundiert werden.
Nachdem etwa 20 Erythrozytenkonzentrate transfundiert worden sind,
sollte man den Beginn einer Eisenentleerungstherapie in Betracht
ziehen, um ein Fortschreiten der Eisenüberladung zu verhindern.
Transfusionsbedürftige Patienten mit Aplastischer Anämie (AA)
oder Primärer Myelofibrose (Osteomyelofibrose) sind ähnlich
wie MDS-Patienten mit dem Problem der transfusionsbedingten
Eisenüberladung konfrontiert.
Einen zusätzlichen, aber wesentlich kleineren Beitrag zur
Eisenüberladung leistet bei allen Patienten mit ineffektiver roter
Blutbildung der Magen-Darm-Trakt, der durch die schlechte
Knochenmarkfunktion dazu angeregt wird, mehr Eisen als üblich aus
der Nahrung aufzunehmen.
Eisenüberladung
Wie
kommt es zu einer Eisenüberladung?
Insgesamt befinden sich im Körper 2 bis 4 Gramm Eisen. Der
größte Teil (etwa zwei Drittel) ist im roten Blutfarbstoff
gebunden, dem Hauptbestandteil der roten Blutkörperchen. Jedes
Hämoglobinmolekül ist aus vier Eiweißketten
(Globinketten) und vier Häm-Molekülen aufgebaut, in deren
Mitte sich jeweils ein Eisen-Ion befindet. Da das Häm-Eisen in der
Lunge Sauerstoff bindet und ihn in den Organen wieder abgeben kann,
funktioniert es als Sauerstofftransporter.
Eisen ist bis zu einer bestimmten Menge für den Körper
nützlich und ungiftig, da es an Transport- und
Speicher-Moleküle gebunden ist, wie z.B. Hämoglobin,
Transferrin und Ferritin. Freies Eisen ist dagegen potentiell
gefährlich, da es bestimmte chemische Reaktionen begünstigt,
bei denen Sauerstoffradikale entstehen. Diese Radikale können
nämlich Eiweiße, Membranen und sogar die Erbsubstanz DNS
angreifen und schädigen. Wenn der Körper zuviel Eisen
aufnimmt, ist irgendwann die Kapazität der ungefährlichen
Eisenspeicherung überschritten. Dann kann die Eisenanhäufung
Zellschäden und Organschäden hervorrufen. Leider besitzt der
Körper keinen wirksamen Mechanismus, um überschüssiges
Eisen loszuwerden.
Viele MDS- und AA-Patienten erhalten alle 2-6 Wochen jeweils 2
Blutkonserven (Erythrozyten-Konzentrate). Jedes Erythrozyten-Konzentrat
(EK) enthält etwa 250 mg Eisen. Dies ist mindestens das 100fache
der täglich aus der Nahrung aufgenommenen Menge. Da täglich
nur etwa 1-2 mg Eisen verloren gehen, hauptsächlich über
Zellen, die von der Haut und Darmschleimhaut abgeschilfert werden,
entsteht bei chronisch transfundierten Patienten allmählich ein
großes Ungleichgewicht zwischen den minimalen Verlusten und der
mehr als reichlichen Zufuhr über Blutkonserven.
Was
sind die Folgen einer Eisenüberladung?
Überschüssiges Eisen lagert sich in den Organen ab. Folgen
hat dies vor allem in der Leber, im Herzmuskel und in endokrinen
Organen (Drüsengewebe). Deshalb können als klinische Probleme
Leberschäden bis hin zur Leberzirrhose, Herzschwäche,
Herzrhythmusstörungen, Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus),
Schilddrüsenunterfunktion, Wachstumsstörungen bei Kindern,
Unfruchtbarkeit, Impotenz, Depressionen und weitere Störungen
auftreten. Eine bronzefarbene Haut ist ebenfalls Folge der
Eisenablagerungen. Patienten mit Eisenüberladung sind darüber
hinaus anfälliger für bestimmte Infektionen. Außerdem
scheint das ohnehin kranke Knochenmark durch eine massive
Eisenüberladung zusätzlich belastet zu werden. Dies
schließt man daraus, dass sich bei manchen Patienten eine
konsequente Eisenentleerungstherapie günstig auf die
Transfusionsbedürftigkeit ausgewirkt hat.
Ohne Behandlung kann die chronische Eisenüberladung
lebensbedrohlich werden, vor allem durch schwere Herzinsuffizienz. Die
Frage, ab wann eine Eisenüberladung für den Patienten
gefährlich wird, ist nicht leicht zu beantworten, da dies unter
anderem davon abhängt, ob zusätzliche Risikofaktoren,
beispielweise solche für eine Herzinsuffizienz, vorliegen. Man
sollte sich jedoch Gedanken über eine Behandlung mit
Eisenchelatoren machen, wenn ein Patient bereits 20-30 Transfusionen
erhalten hat und abzusehen ist, dass er längerfristig
transfusionsbedürftig bleiben wird.
Wie
wird eine Eisenüberladung festgestellt?
Grundlage für eine gute Behandlung sind geeignete diagnostische
Maßnahmen, die das Ausmaß der Eisenüberladung anzeigen
und eine Therapiekontrolle ermöglichen. Da der Patient erst dann
klinische Symptome bemerkt, wenn schon eine erhebliche
Gewebeschädigung an Herz oder Leber eingetreten ist, muss die
Eisenüberladung mit anderen Mitteln rechtzeitig erkannt werden.
Dazu dient vor allem die Messung des Ferritins im Serum. Ferritin ist
das normale Eisenspeicher-Molekül, das sowohl in den Organen als
auch im Blut zu finden ist. Wenn im Körper viel Eisen vorhanden
ist, wird entsprechend viel Ferritin gebildet. Normale Ferritin-Werte
liegen unterhalb von ca. 300 ng/ml [Nanogramm pro Milliliter; Nanogramm
= ein Milliardstel Gramm]. Erhöhte Ferritin-Werte weisen auf eine
Eisenüberladung hin. Da erhöhte Ferritin-Werte aber auch bei
Entzündungsreaktionen auftreten können, dürfen sie in
diesem Fall nicht als Beweis für eine Eisenüberladung
gewertet werden. Wenn das Ferritin ohne begleitende Entzündung im
Verlauf der Erkrankung auf über 1000 ng/ml ansteigt, kann man
davon ausgehen, dass eine (zunächst noch nicht sehr bedrohliche)
Eisenüberladung vorliegt. Zusätzlich kann noch die
Transferrin-Sättigung bestimmt werden, die bei
Eisenüberladung ebenfalls erhöht ist. Es ist wenig hilfreich,
das freie Eisen im Blut zu messen, da die Werte von Tag zu Tag und
sogar innerhalb eines Tages starke Schwankungen aufweisen.
Wenn man kontrollieren möchte, ob die Eisenüberladung bei
einem bestimmten Patienten zunimmt oder sich unter Behandlung
zurückbildet, hat es sich bewährt, regelmäßig
(mindestens alle 3 Monate), das Ferritin im Serum zu messen. Ein
Anstieg über 1000 ng/ml bedeutet nicht, dass unverzüglich mit
einer Therapie begonnen werden muss, sollte aber Anlass sein, über
die Möglichkeit einer Chelationsbehandlung zu sprechen.
Ein Serum-Ferritin von über 1000 ng/ml zeigt zwar eine
Eisenüberladung an, gibt aber keine Auskunft darüber, in
welchen Organen sich das Eisen bevorzugt abgelagert hat. Dies
lässt sich jedoch mit Hilfe bildgebender Verfahren darstellen.
Für den klinischen Einsatz ist die Kernspin- bzw.
Magnetresonanztomographie (MRT) am besten geeignet. Damit lässt
sich die Eisenüberladung in der Leber recht zuverlässig
quantifizieren.
Die Leber ist das Organ mit der größten
Eisenspeicherkapazität. Sie wird daher bei schwerer
Eisenüberladung praktisch immer geschädigt. Auch wenn die
üblichen Leberwerte im Serum noch weitgehend unauffällig
sind, lässt sich durch Gewebeproben nachweisen, dass eine
Eisenüberladung vorliegt, die bereits zu Leberzellschädigung
und Fibrose (Narbenbildung) geführt hat. Aus der Fibrose kann sich
bei fortgesetzter Schädigung eine nicht mehr
rückbildungsfähige Zirrhose entwickeln. Alkohol und andere
Schadstoffe (wie z. B. Drogen, bestimmte Medikamente oder Umweltgifte)
beschleunigen bei Patienten mit Eisenüberladung die
Leberschädigung.
Da die Leberpunktion eine invasive Untersuchung ist, die ein gewisses
Blutungs- und Infektionsrisiko birgt, wird zunehmend das nicht-invasive
Verfahren der Kernspintomographie (MRT) eingesetzt, um die
Eisenansammlungen in der Leber zu messen. Daraus lassen sich auch
Rückschlüsse auf die Gesamtmenge an Eisen ziehen, die im
Körper gespeichert ist.
Wenn eine Eisenüberladung diagnostiziert wurde, sollte neben der
Leber auch das Herz mittels Elektrokardiogramm (EKG) und
Ultraschalluntersuchung (Echokardiographie) untersucht werden, um
Hinweise auf möglicherweise schon vorliegende Schädigungen zu
gewinnen. An einigen Zentren ist es bereits möglich, das
Ausmaß der Eisenüberladung im Herzmuskel mit Hilfe der
Kernspintomographie (MRT) zu bestimmen. Neben Leber und Herz sollte die
Funktion der hormonproduzierenden Drüsen mittels
Blutuntersuchungen überprüft werden. Dabei ist besonders
daran zu denken, dass die Bauchspeicheldrüse geschädigt sein
könnte, deren mangelhafte Insulinproduktion dann zur
Zuckerkrankheit führt.
Eisenentleerungstherapie (Eisenchelation)
Warum?
Bei Patienten mit langjähriger Transfusionsbedürftigkeit kann
es zu erheblicher Eisenüberladung kommen. Die dadurch entstehenden
klinischen Probleme können nicht nur die Lebensqualität,
sondern auch die Lebenserwartung einschränken. Durch den Einsatz
von Eisenchelatoren soll eine schwerwiegende Eisenüberladung
möglichst verhindert oder, falls sie bereits eingetreten ist,
wirksam behandelt werden. Rückschauende statistische Auswertungen
deuten darauf hin, dass sich durch eine Eisenentleerungstherapie ein
Überlebensvorteil für MDS-Patienten ergibt, diese
Schlussfolgerung muss allerdings noch durch eine prospektive (in die
Zukunft gerichtete) klinische Studie untermauert werden. Außerdem
gibt es Hinweise darauf, dass eine konsequente Eisenentleerungstherapie
bei MDS-Patienten einen günstigen Effekt auf die Blutbildung bzw.
Transfusionsbedürftigkeit haben kann.
Weiterhin ist die Eisenchelation ein wichtiges Thema für
Patienten, die mittels allogener Stammzelltransplantation behandelt
werden sollen, da Eisenüberladung das Risiko erhöht, im
Rahmen der Transplantation Infektionen oder
Leberfunktionsstörungen zu erleiden.
Wann?
Wenn das Ferritin im Serum auf über 1000 ng/ml ansteigt, haben MDS
und AA-Patienten im Durchschnitt etwa 20 Erythrozyten-Konzentrate
erhalten. Zu diesem Zeitpunkt liegt bereits eine Eisenüberladung
vor, die im Allgemeinen jedoch noch nicht bedrohlich ist. Wie bereits
erwähnt, sollte in dieser Situation die Möglichkeit einer
Eisenchelation diskutiert werden. Wenn eine prognostisch günstige
Variante des Myelodysplastischen Syndroms bzw. eine Aplastische
Anämie oder eine Primäre Myelofibrose vorliegt, sollte bei
fortbestehender chronischer Transfusionsbedürftigkeit die
Eisenchelation ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Neben dem Ferritin sollte bei der Therapieentscheidung
berücksichtigt werden, ob Begleiterkrankungen vorliegen, die den
Patienten möglicherweise besonders empfindlich für
Eisenüberladung machen. Wenn beispielsweise schon vor Beginn der
Transfusionsbehandlung eine Herzinsuffizienz vorlag, muss man
befürchten, dass der Herzmuskel eine zusätzliche Belastung
durch Eisen schlecht verkraftet.
Wie?
Da der Körper keine Möglichkeit hat, überschüssiges
Eisen aktiv zu entfernen, muss mit speziellen Medikamenten nachgeholfen
werden. Diese werden als Eisenchelatoren oder Chelatbildner bezeichnet.
Der Begriff Chelat stammt vom griechischen Wort für Kralle oder
Krebsschere. Die verwendeten Moleküle sind nämlich so
geformt, dass sie ein Eisenatom wie mit Krebsscheren umgreifen. Das
Chelatormolekül wird dann samt gebundenem Eisen über die
Galle in den Stuhl oder über die Niere in den Urin ausgeschieden.
Auf diese Weise wird Eisen allmählich aus dem Kreislauf und aus
den Geweben entfernt.
Die Behandlung ist nur dann effizient, wenn praktisch ständig
Chelatormoleküle im Blut vorhanden sind. Deshalb ist der
Therapieerfolg ganz wesentlich von der konsequenten Mitarbeit
(Compliance) des Patienten abhängig. Aus diesem Grunde ist es
wichtig, Patienten und ihre Angehörigen umfassend über
Notwendigkeit, Durchführung und Nebenwirkungen der Therapie
aufzuklären. Die Mitarbeit des Patienten wird natürlich auch
dadurch beeinflusst, wie gut ein Eisenchelator verträglich ist und
in welcher Form er angewendet wird.
Medikamente (Eisenchelatoren)
Über
Jahrzehnte war Deferoxamin
(Desferal®) das Standardmedikament zur Behandlung der
Eisenüberladung. Dieser Chelator bildet vorwiegend mit
dreiwertigem Eisen und Aluminium Komplexe, die in Urin und Galle
ausgeschieden werden. Deferoxamin gibt es leider nicht in
Tablettenform, da die Substanz im Magen-Darm-Trakt nicht resorbiert
wird. Das Medikament muss deshalb gespritzt werden. Wenn eine Dosis
intravenös gespritzt wird, hält die Wirkung nur wenige
Minuten an, da die Substanz schnell wieder aus dem Blut verschwindet.
Deshalb muss das Medikament an 5-7 Tagen pro Woche kontinuierlich
über 8-12 Stunden mittels einer batteriegetriebenen Pumpe
zugeführt werden. Ein geeigneter zentralvenöser Zugang ist
dafür erforderlich, da periphere Venen zu stark durch Deferoxamin
gereizt werden.
Meistens wird Deferoxamin jedoch subkutan (unter die Haut) verabreicht.
Dabei kommt ebenfalls eine Pumpenbehandlung zum Einsatz, mit der das
Medikament kontinuierlich gegeben wird, möglichst täglich.
Die erforderliche Dosierung liegt bei 25-50 mg/kg Körpergewicht.
Alternativ kann Deferoxamin auch zweimal täglich als Depot unter
die Haut gespritzt werden. Von dort wird es langsam an das Blut
abgegeben. Diese Art der Anwendung ist zwar nicht zugelassen, ist aber
ähnlich effektiv wie die Pumpenbehandlung und bietet den Patienten
mehr Freiheit. Deshalb führen die meisten Patienten die subkutane
Injektion auch selbständig durch.
Üblicherweise wird mit einer Dosierung von 1 Gramm pro Tag
begonnen, eine langsame Steigerung bis zu 3 g Deferoxamin täglich
ist möglich. Bei extremer Eisenüberladung können auch
noch wesentlich höhere Dosierungen gegeben werden. Der Urin
verfärbt sich nach der Einleitung der Deferoxamin-Therapie durch
gebundenes Eisen bräunlich-orange. Auch wenn Deferoxamin nur 6-10
mg Eisen pro Infusion entfernt, kann bei konsequenter Behandlung mehr
Eisen ausgeschieden werden als durch die fortgesetzte
Transfusionsbehandlung zugeführt wird. Der Erfolg hängt auch
vom rechtzeitigen Beginn der Deferoxamin-Therapie ab. Einige Patienten
unterbrechen die Deferoxamin-Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen,
z.B. wegen Hautreizungen an der Infusionsstelle oder wegen Abneigung
gegen die wiederholten Nadelstiche. Viele Patienten müssen immer
wieder ermutigt werden, die Therapie,fortzuführen. Cremes mit
betäubender Wirkung können Schmerzen an den Einstichstellen
mildern.
Ein Behandlungserfolg wird erkennbar, wenn das Ferritin im Serum sinkt.
Zusätzlich kann auch die Eisenausscheidung im
24-Stunden-Sammelurin gemessen werden. Um das Eisen besser aus den
Geweben zu mobilisieren und damit seine Ausscheidung zu erleichtern,
kann zusätzlich Vitamin C (nicht mehr als 200 mg pro Tag)
verabreicht werden. Dies gilt jedoch nicht für Patienten mit
Herzschwäche, da unter dieser Maßnahme gelegentlich eine
Verschlechterung der Herzfunktion beobachtet wurde. Außerdem
sollte die Vitamin C-Gabe erst nach einmonatiger Deferoxamin-Therapie
begonnen werden.
Die Normalisierung eines stark erhöhten Ferritin-Werts erstreckt
sich im Allgemeinen über viele Monate. Bei starker
Transfusionsbedürftigkeit gelingt es manchmal auch nur, einen
weiteren Ferritin-Anstieg zu verhindern. Eine Absenkung des Ferritins
kann dazu führen, dass sich Organschäden zumindest teilweise
zurückbilden. Besonders was die Herzfunktion angeht, lassen sich
manchmal deutliche Besserungen erzielen. Schäden an hormonaktiven
Drüsen bilden sich in der Regel nicht vollständig zurück.
Als mögliche Nebenwirkungen von Deferoxamin sind neben lokalen Hauterscheinungen Seh- und Hörstörungen zu nennen, die bei Anwendung hoher Dosierungen oder langfristiger Behandlung auftreten können, vor allem bei Patienten, die keine ausgeprägte Eisenüberladung mehr aufweisen. Deshalb sind ophthalmologische (augenärztliche) und audiologische Untersuchungen (Hörprüfungen) vor Beginn und im Verlauf einer Behandlung mit Deferoxamin notwendig. Außerdem berichten einige Patienten über Erbrechen, Durchfall, Magenbeschwerden, Wadenkrämpfe, Fieber, Herzrasen oder Schwindel. Seltene Spätkomplikationen sind Nieren- oder Leberschäden. Alle Unverträglichkeitsreaktionen sollten dem behandelnden Arzt unverzüglich mitgeteilt werden, damit die Therapie abgebrochen, unterbrochen oder eine Dosisanpassung vorgenommen werden kann. Nach einer Behandlungspause kann eventuell eine vorsichtige Wiederaufnahme der Eisenchelation versucht werden.
Als oraler Eisenchelator stand bisher nur Deferipron (Ferriprox®) zur Verfügung, das jedoch nur bei Patienten mit Thalassämie in größeren Studien untersucht wurde. Eine mögliche Nebenwirkung ist die Verminderung der Granulozyten (Untergruppe der weißen Blutkörperchen), manchmal bis zu deren völligem Verschwinden (Agranulozytose). Dies kann zu lebensbedrohlicher Infektanfälligkeit führen. Deshalb muss die Granulozytenzahl im Blut wöchentlich kontrolliert werden. Außerdem können Übelkeit und Gelenkbeschwerden auftreten. Die Einnahme muss dreimal täglich erfolgen. Ein Vorteil des Medikamentes ist seine Fähigkeit zur effizienten Eisenentfernung aus dem Herzmuskel. In Europa lautet die Zulassung für Deferipron „Behandlung einer Eisenüberladung bei Patienten mit Thalassaemia major (Mittelmeeranämie), wenn die Therapie mit Deferoxamin nicht möglich oder nicht ausreichend ist“. Bei Patienten, die bereits einen ausgeprägten Mangel an weißen Blutkörperchen (Leukozytopenie) haben, wird dieses Medikament aufgrund der möglichen ungünstigen Wirkung auf die Granulozyten nicht empfohlen.
Ein neuer, ebenfalls oral verabreichbarer Eisenchelator ist Deferasirox (Exjade®). Dieses Medikament wurde Ende 2005 in den USA und im August 2006 in Europa zugelassen. Außer zur Behandlung von Patienten mit Beta-Thalassaemia major ist Deferasirox auch zur Behandlung der transfusionsbedingten Eisenüberladung bei anderen Anämien (einschließlich MDS) zugelassen, wenn eine Deferoxamin-Therapie kontraindiziert oder unangemessen ist. Deferasirox ist der erste Eisenchelatbildner, der einmal täglich in einem Glas Wasser oder Orangensaft aufgelöst und getrunken werden kann. Dies erlaubt eine denkbar einfache Chelationstherapie. Da Deferasirox in alle Zellen einzudringen vermag, entfernt es überschüssiges Eisen aus allen Organen (Leber, Herz, endokrine Organe, Knochenmark) und kann deshalb auch zur Stabilisierung bzw. Verbesserung der Herzfunktion bei kardialer Eisenüberladung beitragen. Studiendaten zeigen, dass bei den meisten MDS-Patienten eine Dosierung von täglich 20 oder 30 mg/kg erforderlich ist. Die Dosierung ist vor allem abhängig von der Menge der Eisenzufuhr, die wiederum von der Häufigkeit der Bluttransfusionen abhängt. Die Dosisempfehlung bei Aplastischer Anämie orientiert sich an derjenigen bei MDS. Weltweit wurden bisher über 3000 Patienten mit Deferasirox behandelt. Eine Agranulozytose scheint nicht zu den Nebenwirkungen zu gehören. Die häufigsten unerwünschten Effekte waren Übelkeit und Durchfall, die jedoch meistens in relativ milder Form und vor allem in der Anfangsphase der Therapie auftreten. Die Wirksamkeit der Behandlung kann im Gegensatz zum Deferoxamin nicht mittels 24h-Sammelurin kontrolliert werden, da die Substanz bzw. der Komplex aus Eisen und Deferasirox über den Darm ausgeschieden wird. Die Darreichungsform, das günstige Nebenwirkungsprofil und die gute Wirksamkeit bedeuten für viele Patienten eine effektivere und angenehmere Eisenentleerungstherapie.
Therapieempfehlungen
zum Thema Eisenüberladung bei MDS
Es
sind inzwischen weltweit von verschiedenen Arbeitsgruppen
Therapieempfehlungen zur Eisenüberladung bei MDS
veröffentlicht worden, die sich nicht wesentlich voneinander
unterscheiden. Die Empfehlungen sind im Folgenden sinngemäß
zusammengefasst:
Eisenchelation - was können Sie selbst gegen Eisenüberladung tun?
Wenn
Sie versuchen möchten, durch Veränderung der
Ernährungsgewohnheiten die Eisenaufnahme zu reduzieren, sollten
Sie wissen, dass mageres Fleisch relativ viel Eisen enthält, das
auch gut vom Magen-Darmtrakt aufgenommen wird. Gemüse, Obst und
Milchprodukte enthalten nur geringe bis mittlere Mengen an Eisen, wobei
das Eisen aus Gemüse vergleichsweise schlecht verwertbar ist.
Vermindern lässt sich die Aufnahme von Eisen auch durch
gleichzeitige Zufuhr von Milchprodukten, faserreichen Nahrungsmitteln
und schwarzem Tee. Es sollte Ihnen jedoch klar sein, dass solche
Diätmaßnahmen nur minimalen Einfluss auf eine
transfusionsbedingte Eisenüberladung haben, da die Transfusion
eines einzigen Erythrozytenkonzentrats dem Körper bereits mehr
Eisen zuführt als der Darm normalerweise in 100 Tagen resorbiert.
Es lohnt sich also nicht, große Anstrengungen in eine
diätetische Beeinflussung der Eisenüberladung zu investieren.
Viel wirksamer und wichtiger ist die konsequente Durchführung
einer Eisenentleerungstherapie mit einem Chelatbildner. Ihre
kontinuierliche Mitarbeit und Therapietreue ist entscheidend für
den Erfolg. Um die Behandlung möglichst effizient und
nebenwirkungsarm zu gestalten, sollten Sie den Eisenchelator
regelmäßig in der individuell berechneten Dosierung
anwenden. Informieren Sie Ihren Arzt genau über eventuelle
Nebenwirkungen der Therapie, damit er darauf reagieren kann. Eine
Eisenentleerungstherapie ist ein langwieriger Prozess, der sich
über Monate und Jahre hinzieht. Ihre Mitarbeit, Geduld und
Disziplin zahlen sich aus, da die Vermeidung von Organschäden Ihre
Lebensqualität und Überlebenschancen verbessert.
Die gesamte Broschüre, weitere Informationen, Anschriften der jeweiligen Studiengruppen sowie Autoren dieser Information erhalten Sie in der pdf-Datei. Wir danken für die Zusammenarbeit Prof. Dr. N. Gattermann, Dr. Corinna Strupp, Prof. Dr. H. Schrezenmeier und der DLH sowie für den Druck der Broschüre mit freundlicher Unterstützung der Firma Novartis Pharma GmbH.