Eisenüberladung bei AA und MDS

Einleitung
Die meisten MDS-Patienten leiden schon zum Zeitpunkt der Diagnosestellung unter einer Anämie (Mangel an roten Blutkörperchen). Bei der Mehrzahl entwickelt sich sogar eine Abhängigkeit von regelmäßigen Blutübertragungen, da die eigene Blutbildung mangelhaft ist. Es gibt aber große individuelle Unterschiede, was den Beginn der Transfusionsbedürftigkeit angeht. Erstens kann sich die Knochenmarksfunktion langsam oder schnell verschlechtern und zweitens gibt es keinen allgemeingültigen Hämoglobin-Wert, dessen Unterschreitung grundsätzlich eine Transfusion erforderlich macht. Bei der Beurteilung der Transfusionsbedürftigkeit spielen Faktoren wie Alter, körperliche Belastung im Alltag sowie Begleiterkrankungen eine große Rolle.
Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin (Hb), mit dem die roten Blutzellen (Erythrozyten) gefüllt sind, ist unser Sauerstofftransporter. Bei Anämie entstehen Krankheitssymptome durch Sauerstoffmangel im Körper, beispielsweise allgemeine Schwäche, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Herzklopfen, Ohrensausen und Schwindel. Durch Blutübertragungen können diese Symptome gelindert werden. Auch die Blutarmut, die vorübergehend durch intensive Chemotherapie entsteht, kann Bluttransfusionen erforderlich machen.
Mit jeder Bluttransfusion wird dem Körper viel zusätzliches Eisen zugeführt, da jedes Molekül des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin vier Eisenatome enthält. Eisen ist zwar wichtig für den Körper, aber es gilt auch hier: „die Dosis macht das Gift“. Eine ausgeprägte Eisenüberladung kann gefährlich werden. Eine Gefährdung durch „transfusionsbedingte Hämosiderose“ ist aber nur bei Patienten zu erwarten, die über längere Zeit regelmäßig transfundiert werden. Nachdem etwa 20 Erythrozytenkonzentrate transfundiert worden sind, sollte man den Beginn einer Eisenentleerungstherapie in Betracht ziehen, um ein Fortschreiten der Eisenüberladung zu verhindern. Transfusionsbedürftige Patienten mit Aplastischer Anämie (AA) oder Primärer Myelofibrose (Osteomyelofibrose) sind ähnlich wie MDS-Patienten mit dem Problem der transfusionsbedingten Eisenüberladung konfrontiert.
Einen zusätzlichen, aber wesentlich kleineren Beitrag zur Eisenüberladung leistet bei allen Patienten mit ineffektiver roter Blutbildung der Magen-Darm-Trakt, der durch die schlechte Knochenmarkfunktion dazu angeregt wird, mehr Eisen als üblich aus der Nahrung aufzunehmen.

Eisenüberladung

Wie kommt es zu einer Eisenüberladung?
Insgesamt befinden sich im Körper 2 bis 4 Gramm Eisen. Der größte Teil (etwa zwei Drittel) ist im roten Blutfarbstoff gebunden, dem Hauptbestandteil der roten Blutkörperchen. Jedes Hämoglobinmolekül ist aus vier Eiweißketten (Globinketten) und vier Häm-Molekülen aufgebaut, in deren Mitte sich jeweils ein Eisen-Ion befindet. Da das Häm-Eisen in der Lunge Sauerstoff bindet und ihn in den Organen wieder abgeben kann, funktioniert es als Sauerstofftransporter.
Eisen ist bis zu einer bestimmten Menge für den Körper nützlich und ungiftig, da es an Transport- und Speicher-Moleküle gebunden ist, wie z.B. Hämoglobin, Transferrin und Ferritin. Freies Eisen ist dagegen potentiell gefährlich, da es bestimmte chemische Reaktionen begünstigt, bei denen Sauerstoffradikale entstehen. Diese Radikale können nämlich Eiweiße, Membranen und sogar die Erbsubstanz DNS angreifen und schädigen. Wenn der Körper zuviel Eisen aufnimmt, ist irgendwann die Kapazität der ungefährlichen Eisenspeicherung überschritten. Dann kann die Eisenanhäufung Zellschäden und Organschäden hervorrufen. Leider besitzt der Körper keinen wirksamen Mechanismus, um überschüssiges Eisen loszuwerden.
Viele MDS- und AA-Patienten erhalten alle 2-6 Wochen jeweils 2 Blutkonserven (Erythrozyten-Konzentrate). Jedes Erythrozyten-Konzentrat (EK) enthält etwa 250 mg Eisen. Dies ist mindestens das 100fache der täglich aus der Nahrung aufgenommenen Menge. Da täglich nur etwa 1-2 mg Eisen verloren gehen, hauptsächlich über Zellen, die von der Haut und Darmschleimhaut abgeschilfert werden, entsteht bei chronisch transfundierten Patienten allmählich ein großes Ungleichgewicht zwischen den minimalen Verlusten und der mehr als reichlichen Zufuhr über Blutkonserven.

Was sind die Folgen einer Eisenüberladung?
Überschüssiges Eisen lagert sich in den Organen ab. Folgen hat dies vor allem in der Leber, im Herzmuskel und in endokrinen Organen (Drüsengewebe). Deshalb können als klinische Probleme Leberschäden bis hin zur Leberzirrhose, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Schilddrüsenunterfunktion, Wachstumsstörungen bei Kindern, Unfruchtbarkeit, Impotenz, Depressionen und weitere Störungen auftreten. Eine bronzefarbene Haut ist ebenfalls Folge der Eisenablagerungen. Patienten mit Eisenüberladung sind darüber hinaus anfälliger für bestimmte Infektionen. Außerdem scheint das ohnehin kranke Knochenmark durch eine massive Eisenüberladung zusätzlich belastet zu werden. Dies schließt man daraus, dass sich bei manchen Patienten eine konsequente Eisenentleerungstherapie günstig auf die Transfusionsbedürftigkeit ausgewirkt hat.
Ohne Behandlung kann die chronische Eisenüberladung lebensbedrohlich werden, vor allem durch schwere Herzinsuffizienz. Die Frage, ab wann eine Eisenüberladung für den Patienten gefährlich wird, ist nicht leicht zu beantworten, da dies unter anderem davon abhängt, ob zusätzliche Risikofaktoren, beispielweise solche für eine Herzinsuffizienz, vorliegen. Man sollte sich jedoch Gedanken über eine Behandlung mit Eisenchelatoren machen, wenn ein Patient bereits 20-30 Transfusionen erhalten hat und abzusehen ist, dass er längerfristig transfusionsbedürftig bleiben wird.

Wie wird eine Eisenüberladung festgestellt?
Grundlage für eine gute Behandlung sind geeignete diagnostische Maßnahmen, die das Ausmaß der Eisenüberladung anzeigen und eine Therapiekontrolle ermöglichen. Da der Patient erst dann klinische Symptome bemerkt, wenn schon eine erhebliche Gewebeschädigung an Herz oder Leber eingetreten ist, muss die Eisenüberladung mit anderen Mitteln rechtzeitig erkannt werden. Dazu dient vor allem die Messung des Ferritins im Serum. Ferritin ist das normale Eisenspeicher-Molekül, das sowohl in den Organen als auch im Blut zu finden ist. Wenn im Körper viel Eisen vorhanden ist, wird entsprechend viel Ferritin gebildet. Normale Ferritin-Werte liegen unterhalb von ca. 300 ng/ml [Nanogramm pro Milliliter; Nanogramm = ein Milliardstel Gramm]. Erhöhte Ferritin-Werte weisen auf eine Eisenüberladung hin. Da erhöhte Ferritin-Werte aber auch bei Entzündungsreaktionen auftreten können, dürfen sie in diesem Fall nicht als Beweis für eine Eisenüberladung gewertet werden. Wenn das Ferritin ohne begleitende Entzündung im Verlauf der Erkrankung auf über 1000 ng/ml ansteigt, kann man davon ausgehen, dass eine (zunächst noch nicht sehr bedrohliche) Eisenüberladung vorliegt. Zusätzlich kann noch die Transferrin-Sättigung bestimmt werden, die bei Eisenüberladung ebenfalls erhöht ist. Es ist wenig hilfreich, das freie Eisen im Blut zu messen, da die Werte von Tag zu Tag und sogar innerhalb eines Tages starke Schwankungen aufweisen.

Wenn man kontrollieren möchte, ob die Eisenüberladung bei einem bestimmten Patienten zunimmt oder sich unter Behandlung zurückbildet, hat es sich bewährt, regelmäßig (mindestens alle 3 Monate), das Ferritin im Serum zu messen. Ein Anstieg über 1000 ng/ml bedeutet nicht, dass unverzüglich mit einer Therapie begonnen werden muss, sollte aber Anlass sein, über die Möglichkeit einer Chelationsbehandlung zu sprechen.
Ein Serum-Ferritin von über 1000 ng/ml zeigt zwar eine Eisenüberladung an, gibt aber keine Auskunft darüber, in welchen Organen sich das Eisen bevorzugt abgelagert hat. Dies lässt sich jedoch mit Hilfe bildgebender Verfahren darstellen. Für den klinischen Einsatz ist die Kernspin- bzw. Magnetresonanztomographie (MRT) am besten geeignet. Damit lässt sich die Eisenüberladung in der Leber recht zuverlässig quantifizieren.
Die Leber ist das Organ mit der größten Eisenspeicherkapazität. Sie wird daher bei schwerer Eisenüberladung praktisch immer geschädigt. Auch wenn die üblichen Leberwerte im Serum noch weitgehend unauffällig sind, lässt sich durch Gewebeproben nachweisen, dass eine Eisenüberladung vorliegt, die bereits zu Leberzellschädigung und Fibrose (Narbenbildung) geführt hat. Aus der Fibrose kann sich bei fortgesetzter Schädigung eine nicht mehr rückbildungsfähige Zirrhose entwickeln. Alkohol und andere Schadstoffe (wie z. B. Drogen, bestimmte Medikamente oder Umweltgifte) beschleunigen bei Patienten mit Eisenüberladung die Leberschädigung.
Da die Leberpunktion eine invasive Untersuchung ist, die ein gewisses Blutungs- und Infektionsrisiko birgt, wird zunehmend das nicht-invasive Verfahren der Kernspintomographie (MRT) eingesetzt, um die Eisenansammlungen in der Leber zu messen. Daraus lassen sich auch Rückschlüsse auf die Gesamtmenge an Eisen ziehen, die im Körper gespeichert ist.
Wenn eine Eisenüberladung diagnostiziert wurde, sollte neben der Leber auch das Herz mittels Elektrokardiogramm (EKG) und Ultraschalluntersuchung (Echokardiographie) untersucht werden, um Hinweise auf möglicherweise schon vorliegende Schädigungen zu gewinnen. An einigen Zentren ist es bereits möglich, das Ausmaß der Eisenüberladung im Herzmuskel mit Hilfe der Kernspintomographie (MRT) zu bestimmen. Neben Leber und Herz sollte die Funktion der hormonproduzierenden Drüsen mittels Blutuntersuchungen überprüft werden. Dabei ist besonders daran zu denken, dass die Bauchspeicheldrüse geschädigt sein könnte, deren mangelhafte Insulinproduktion dann zur Zuckerkrankheit führt.

Eisenentleerungstherapie (Eisenchelation)

Warum?
Bei Patienten mit langjähriger Transfusionsbedürftigkeit kann es zu erheblicher Eisenüberladung kommen. Die dadurch entstehenden klinischen Probleme können nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung einschränken. Durch den Einsatz von Eisenchelatoren soll eine schwerwiegende Eisenüberladung möglichst verhindert oder, falls sie bereits eingetreten ist, wirksam behandelt werden. Rückschauende statistische Auswertungen deuten darauf hin, dass sich durch eine Eisenentleerungstherapie ein Überlebensvorteil für MDS-Patienten ergibt, diese Schlussfolgerung muss allerdings noch durch eine prospektive (in die Zukunft gerichtete) klinische Studie untermauert werden. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass eine konsequente Eisenentleerungstherapie bei MDS-Patienten einen günstigen Effekt auf die Blutbildung bzw. Transfusionsbedürftigkeit haben kann.
Weiterhin ist die Eisenchelation ein wichtiges Thema für Patienten, die mittels allogener Stammzelltransplantation behandelt werden sollen, da Eisenüberladung das Risiko erhöht, im Rahmen der Transplantation Infektionen oder Leberfunktionsstörungen zu erleiden.

Wann?
Wenn das Ferritin im Serum auf über 1000 ng/ml ansteigt, haben MDS und AA-Patienten im Durchschnitt etwa 20 Erythrozyten-Konzentrate erhalten. Zu diesem Zeitpunkt liegt bereits eine Eisenüberladung vor, die im Allgemeinen jedoch noch nicht bedrohlich ist. Wie bereits erwähnt, sollte in dieser Situation die Möglichkeit einer Eisenchelation diskutiert werden. Wenn eine prognostisch günstige Variante des Myelodysplastischen Syndroms bzw. eine Aplastische Anämie oder eine Primäre Myelofibrose vorliegt, sollte bei fortbestehender chronischer Transfusionsbedürftigkeit die Eisenchelation ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Neben dem Ferritin sollte bei der Therapieentscheidung berücksichtigt werden, ob Begleiterkrankungen vorliegen, die den Patienten möglicherweise besonders empfindlich für Eisenüberladung machen. Wenn beispielsweise schon vor Beginn der Transfusionsbehandlung eine Herzinsuffizienz vorlag, muss man befürchten, dass der Herzmuskel eine zusätzliche Belastung durch Eisen schlecht verkraftet.

Wie?
Da der Körper keine Möglichkeit hat, überschüssiges Eisen aktiv zu entfernen, muss mit speziellen Medikamenten nachgeholfen werden. Diese werden als Eisenchelatoren oder Chelatbildner bezeichnet. Der Begriff Chelat stammt vom griechischen Wort für Kralle oder Krebsschere. Die verwendeten Moleküle sind nämlich so geformt, dass sie ein Eisenatom wie mit Krebsscheren umgreifen. Das Chelatormolekül wird dann samt gebundenem Eisen über die Galle in den Stuhl oder über die Niere in den Urin ausgeschieden. Auf diese Weise wird Eisen allmählich aus dem Kreislauf und aus den Geweben entfernt.
Die Behandlung ist nur dann effizient, wenn praktisch ständig Chelatormoleküle im Blut vorhanden sind. Deshalb ist der Therapieerfolg ganz wesentlich von der konsequenten Mitarbeit (Compliance) des Patienten abhängig. Aus diesem Grunde ist es wichtig, Patienten und ihre Angehörigen umfassend über Notwendigkeit, Durchführung und Nebenwirkungen der Therapie aufzuklären. Die Mitarbeit des Patienten wird natürlich auch dadurch beeinflusst, wie gut ein Eisenchelator verträglich ist und in welcher Form er angewendet wird.

Medikamente (Eisenchelatoren)

Über Jahrzehnte war Deferoxamin (Desferal®) das Standardmedikament zur Behandlung der Eisenüberladung. Dieser Chelator bildet vorwiegend mit dreiwertigem Eisen und Aluminium Komplexe, die in Urin und Galle ausgeschieden werden. Deferoxamin gibt es leider nicht in Tablettenform, da die Substanz im Magen-Darm-Trakt nicht resorbiert wird. Das Medikament muss deshalb gespritzt werden. Wenn eine Dosis intravenös gespritzt wird, hält die Wirkung nur wenige Minuten an, da die Substanz schnell wieder aus dem Blut verschwindet. Deshalb muss das Medikament an 5-7 Tagen pro Woche kontinuierlich über 8-12 Stunden mittels einer batteriegetriebenen Pumpe zugeführt werden. Ein geeigneter zentralvenöser Zugang ist dafür erforderlich, da periphere Venen zu stark durch Deferoxamin gereizt werden.
Meistens wird Deferoxamin jedoch subkutan (unter die Haut) verabreicht. Dabei kommt ebenfalls eine Pumpenbehandlung zum Einsatz, mit der das Medikament kontinuierlich gegeben wird, möglichst täglich. Die erforderliche Dosierung liegt bei 25-50 mg/kg Körpergewicht.
Alternativ kann Deferoxamin auch zweimal täglich als Depot unter die Haut gespritzt werden. Von dort wird es langsam an das Blut abgegeben. Diese Art der Anwendung ist zwar nicht zugelassen, ist aber ähnlich effektiv wie die Pumpenbehandlung und bietet den Patienten mehr Freiheit. Deshalb führen die meisten Patienten die subkutane Injektion auch selbständig durch.
Üblicherweise wird mit einer Dosierung von 1 Gramm pro Tag begonnen, eine langsame Steigerung bis zu 3 g Deferoxamin täglich ist möglich. Bei extremer Eisenüberladung können auch noch wesentlich höhere Dosierungen gegeben werden. Der Urin verfärbt sich nach der Einleitung der Deferoxamin-Therapie durch gebundenes Eisen bräunlich-orange. Auch wenn Deferoxamin nur 6-10 mg Eisen pro Infusion entfernt, kann bei konsequenter Behandlung mehr Eisen ausgeschieden werden als durch die fortgesetzte Transfusionsbehandlung zugeführt wird. Der Erfolg hängt auch vom rechtzeitigen Beginn der Deferoxamin-Therapie ab. Einige Patienten unterbrechen die Deferoxamin-Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen, z.B. wegen Hautreizungen an der Infusionsstelle oder wegen Abneigung gegen die wiederholten Nadelstiche. Viele Patienten müssen immer wieder ermutigt werden, die Therapie,fortzuführen. Cremes mit betäubender Wirkung können Schmerzen an den Einstichstellen mildern.
Ein Behandlungserfolg wird erkennbar, wenn das Ferritin im Serum sinkt. Zusätzlich kann auch die Eisenausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin gemessen werden. Um das Eisen besser aus den Geweben zu mobilisieren und damit seine Ausscheidung zu erleichtern, kann zusätzlich Vitamin C (nicht mehr als 200 mg pro Tag) verabreicht werden. Dies gilt jedoch nicht für Patienten mit Herzschwäche, da unter dieser Maßnahme gelegentlich eine Verschlechterung der Herzfunktion beobachtet wurde. Außerdem sollte die Vitamin C-Gabe erst nach einmonatiger Deferoxamin-Therapie begonnen werden.
Die Normalisierung eines stark erhöhten Ferritin-Werts erstreckt sich im Allgemeinen über viele Monate. Bei starker Transfusionsbedürftigkeit gelingt es manchmal auch nur, einen weiteren Ferritin-Anstieg zu verhindern. Eine Absenkung des Ferritins kann dazu führen, dass sich Organschäden zumindest teilweise zurückbilden. Besonders was die Herzfunktion angeht, lassen sich manchmal deutliche Besserungen erzielen. Schäden an hormonaktiven Drüsen bilden sich in der Regel nicht vollständig zurück.

Als mögliche Nebenwirkungen von Deferoxamin sind neben lokalen Hauterscheinungen Seh- und Hörstörungen zu nennen, die bei Anwendung hoher Dosierungen oder langfristiger Behandlung auftreten können, vor allem bei Patienten, die keine ausgeprägte Eisenüberladung mehr aufweisen. Deshalb sind ophthalmologische (augenärztliche) und audiologische Untersuchungen (Hörprüfungen) vor Beginn und im Verlauf einer Behandlung mit Deferoxamin notwendig. Außerdem berichten einige Patienten über Erbrechen, Durchfall, Magenbeschwerden, Wadenkrämpfe, Fieber, Herzrasen oder Schwindel. Seltene Spätkomplikationen sind Nieren- oder Leberschäden. Alle Unverträglichkeitsreaktionen sollten dem behandelnden Arzt unverzüglich mitgeteilt werden, damit die Therapie abgebrochen, unterbrochen oder eine Dosisanpassung vorgenommen werden kann. Nach einer Behandlungspause kann eventuell eine vorsichtige Wiederaufnahme der Eisenchelation versucht werden.

Als oraler Eisenchelator stand bisher nur Deferipron (Ferriprox®) zur Verfügung, das jedoch nur bei Patienten mit Thalassämie in größeren Studien untersucht wurde. Eine mögliche Nebenwirkung ist die Verminderung der Granulozyten (Untergruppe der weißen Blutkörperchen), manchmal bis zu deren völligem Verschwinden (Agranulozytose). Dies kann zu lebensbedrohlicher Infektanfälligkeit führen. Deshalb muss die Granulozytenzahl im Blut wöchentlich kontrolliert werden. Außerdem können Übelkeit und Gelenkbeschwerden auftreten. Die Einnahme muss dreimal täglich erfolgen. Ein Vorteil des Medikamentes ist seine Fähigkeit zur effizienten Eisenentfernung aus dem Herzmuskel. In Europa lautet die Zulassung für Deferipron „Behandlung einer Eisenüberladung bei Patienten mit Thalassaemia major (Mittelmeeranämie), wenn die Therapie mit Deferoxamin nicht möglich oder nicht ausreichend ist“. Bei Patienten, die bereits einen ausgeprägten Mangel an weißen Blutkörperchen (Leukozytopenie) haben, wird dieses Medikament aufgrund der möglichen ungünstigen Wirkung auf die Granulozyten nicht empfohlen.

Ein neuer, ebenfalls oral verabreichbarer Eisenchelator ist Deferasirox (Exjade®). Dieses Medikament wurde Ende 2005 in den USA und im August 2006 in Europa zugelassen. Außer zur Behandlung von Patienten mit Beta-Thalassaemia major ist Deferasirox auch zur Behandlung der transfusionsbedingten Eisenüberladung bei anderen Anämien (einschließlich MDS) zugelassen, wenn eine Deferoxamin-Therapie kontraindiziert oder unangemessen ist. Deferasirox ist der erste Eisenchelatbildner, der einmal täglich in einem Glas Wasser oder Orangensaft aufgelöst und getrunken werden kann. Dies erlaubt eine denkbar einfache Chelationstherapie. Da Deferasirox in alle Zellen einzudringen vermag, entfernt es überschüssiges Eisen aus allen Organen (Leber, Herz, endokrine Organe, Knochenmark) und kann deshalb auch zur Stabilisierung bzw. Verbesserung der Herzfunktion bei kardialer Eisenüberladung beitragen. Studiendaten zeigen, dass bei den meisten MDS-Patienten eine Dosierung von täglich 20 oder 30 mg/kg erforderlich ist. Die Dosierung ist vor allem abhängig von der Menge der Eisenzufuhr, die wiederum von der Häufigkeit der Bluttransfusionen abhängt. Die Dosisempfehlung bei Aplastischer Anämie orientiert sich an derjenigen bei MDS. Weltweit wurden bisher über 3000 Patienten mit Deferasirox behandelt. Eine Agranulozytose scheint nicht zu den Nebenwirkungen zu gehören. Die häufigsten unerwünschten Effekte waren Übelkeit und Durchfall, die jedoch meistens in relativ milder Form und vor allem in der Anfangsphase der Therapie auftreten. Die Wirksamkeit der Behandlung kann im Gegensatz zum Deferoxamin nicht mittels 24h-Sammelurin kontrolliert werden, da die Substanz bzw. der Komplex aus Eisen und Deferasirox über den Darm ausgeschieden wird. Die Darreichungsform, das günstige Nebenwirkungsprofil und die gute Wirksamkeit bedeuten für viele Patienten eine effektivere und angenehmere Eisenentleerungstherapie.

Therapieempfehlungen zum Thema Eisenüberladung bei MDS

Es sind inzwischen weltweit von verschiedenen Arbeitsgruppen Therapieempfehlungen zur Eisenüberladung bei MDS veröffentlicht worden, die sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Die Empfehlungen sind im Folgenden sinngemäß zusammengefasst:

  1. MDS-Patienten, bei denen das Ferritin im Serum über 1000-2000 ng/ml beträgt, profitieren wahrscheinlich von einer Eisenchelationsbehandlung.
  2. Der Eisenstatus sollte schon zum Zeitpunkt der Diagnosestellung durch Messung des Ferritins im Serum (und eventuell Bestimmung der Transferrin-Sättigung) beurteilt werden. Das Serum-Ferritin sollte regelmäßig (mindestens alle 3 Monate) kontrolliert werden, um den Zeitpunkt eines Beginns der Eisenchelationstherapie sinnvoll festlegen zu können. Dabei sollte auch die individuelle Transfusionsbedürftigkeit des Patienten (und somit das Ausmaß der regelmäßigen Eisenzufuhr) berücksichtigt werden.
  3. Neben der Bestimmung des Serumferritinspiegels kann zur Diagnosebestätigung und Überwachung einer Eisenüberladung als bildgebendes Verfahren die Kernspintomografie (MRT) der Leber zum Einsatz kommen. Häufige Verlaufskontrollen mittels aufwendiger MRT-Untersuchungen sind aber nicht sinnvoll, da die Eisenentleerung im Allgemeinen langsam vonstatten geht.
  4. Bei andauernder Transfusionsbedürftigkeit sollte auch die Eisenchelation fortgeführt werden, sofern die o.g. diagnostischen Verfahren weiterhin eine Eisenüberladung anzeigen.
  5. Grundsätzlich sollte bei allen transfusionsabhängigen Patienten mit Niedrigrisiko-MDS eine Eisenchelation in Betracht gezogen werden, sofern die Lebenserwartung nicht durch andere Begleiterkrankungen drastisch eingeschränkt ist. Auch ein transfusionsbedürftiger MDS-Patient, der zwar nicht zu den Niedrigrisiko-Gruppen gehört, aber trotzdem seit Jahren einen stabilen Krankheitsverlauf aufweist, sollte nicht von einer Eisenentleerungstherapie ausgeschlossen werden.
  6. Wenn eine allogene Stammzelltransplantation erwogen wird, sollte bei MDS-Patienten mit Eisenüberladung ebenfalls an eine Chelationsbehandlung gedacht werden, um zu verhindern, dass eisenbedingte Organschäden eine erhöhte Komplikationsrate bei der Transplantation nach sich ziehen.
  7. Grundsätzlich ist die für den Patienten effektivste und – wenn möglich – nebenwirkungsärmste Therapie zu wählen, damit eine hohe Therapietreue (Compliance) erreicht wird. Dann sind gute Voraussetzungen dafür gegeben, dass die langfristige Therapie erfolgreich verläuft.
Die Punkte 1 bis 4, 6 und 7 treffen analog auf Patienten mit Aplastischer Anämie zu. Punkt 5 trifft bei Aplastischer Anämie auf diejenigen Patienten zu, die nicht auf eine immunsuppressive Therapie ansprechen. Während der immunsuppressiven Therapie und der damit verbundenen Wartezeit auf ein Ansprechen besteht in der Regel noch keine Indikation für eine Chelattherapie, insbesondere da zu diesem Zeitpunkt wegen der guten Ansprechrate noch nicht mit chronischer Erythrozytentransfusionsbedürftigkeit gerechnet werden muss.

Eisenchelation - was können Sie selbst gegen Eisenüberladung tun?

Wenn Sie versuchen möchten, durch Veränderung der Ernährungsgewohnheiten die Eisenaufnahme zu reduzieren, sollten Sie wissen, dass mageres Fleisch relativ viel Eisen enthält, das auch gut vom Magen-Darmtrakt aufgenommen wird. Gemüse, Obst und Milchprodukte enthalten nur geringe bis mittlere Mengen an Eisen, wobei das Eisen aus Gemüse vergleichsweise schlecht verwertbar ist. Vermindern lässt sich die Aufnahme von Eisen auch durch gleichzeitige Zufuhr von Milchprodukten, faserreichen Nahrungsmitteln und schwarzem Tee. Es sollte Ihnen jedoch klar sein, dass solche Diätmaßnahmen nur minimalen Einfluss auf eine transfusionsbedingte Eisenüberladung haben, da die Transfusion eines einzigen Erythrozytenkonzentrats dem Körper bereits mehr Eisen zuführt als der Darm normalerweise in 100 Tagen resorbiert. Es lohnt sich also nicht, große Anstrengungen in eine diätetische Beeinflussung der Eisenüberladung zu investieren.
Viel wirksamer und wichtiger ist die konsequente Durchführung einer Eisenentleerungstherapie mit einem Chelatbildner. Ihre kontinuierliche Mitarbeit und Therapietreue ist entscheidend für den Erfolg. Um die Behandlung möglichst effizient und nebenwirkungsarm zu gestalten, sollten Sie den Eisenchelator regelmäßig in der individuell berechneten Dosierung anwenden. Informieren Sie Ihren Arzt genau über eventuelle Nebenwirkungen der Therapie, damit er darauf reagieren kann. Eine Eisenentleerungstherapie ist ein langwieriger Prozess, der sich über Monate und Jahre hinzieht. Ihre Mitarbeit, Geduld und Disziplin zahlen sich aus, da die Vermeidung von Organschäden Ihre Lebensqualität und Überlebenschancen verbessert.

Die gesamte Broschüre, weitere Informationen, Anschriften der jeweiligen Studiengruppen sowie Autoren dieser Information erhalten Sie in der pdf-Datei. Wir danken für die Zusammenarbeit Prof. Dr. N. Gattermann, Dr. Corinna Strupp, Prof. Dr. H. Schrezenmeier und der DLH sowie für den Druck der Broschüre mit freundlicher Unterstützung der Firma Novartis Pharma GmbH.

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